Predigttext: Mt. 11, 25 – 30

Liebe Gemeinde!

„So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Sind Sie ruhig? Haben Sie womöglich die Ruhe weg? Oder raubt Ihnen gerade etwas die Ruhe?

In den Vereinigten Staaten gibt es derzeit wenig Ruhe, doch schon seit längerem ein weiteres Problem: Millionen Menschen sind von Beruhigungsmitteln abhängig. Ich sehe auch bei uns viel Werbung für verheißungsvolle Mittel zur Entspannung oder zum Schlafen. Vielleicht haben auch Sie einen Geheimtipp, sei es Baldrian, Johanniskraut oder ein Nebenprodukt des guten, alten Hanfs. Ich selbst empfehle aber Sport, sofern dass körperlich möglich ist. Die Ruhe danach ist herrlich und wird sozusagen aus körpereigenen Drogen generiert, die man Hormone nennt.

Wahrscheinlich fühlen wir uns in oder nach der Coronakrise auch ruhebedürftig. Wer noch größeren Stress hatte also sonst – und das sind viele – sehnt sich einem freien Tag. Aber auch wer zum Nichtstun verdonnert war, ist seltsamerweise nicht ausgeruht, sondern unausgeglichen und genervt.

Wenn es also ein Zaubermittel für Ruhe gäbe – wir wären wohl alle nicht abgeneigt, oder? Überhaupt wäre das schön: Etwas einnehmen zu können, damit sich mein Problem löst. Doch leider sind die Probleme meistens noch da, wenn die Wirkung nachlässt. Darum dauert es in Wahrheit länger, wenn man sich mit einem Problem auseinandersetzt. Doch winkt am Ende eines solchen Weges Besserung. Wenn man einmal herausgefunden hat, warum im Inneren ein Sturm tobt, dann werden die Wellen meist schon etwas kleiner. Dann kann man noch herausfinden, wie man sich in einem Sturm am besten verhält und welche Kräfte man mobilisiert. Ein Urbild dafür ist die Geschichte von der Sturmstillung, die ich auch oft bei Trauerfeiern verlese, wenn wir aufgewühlt sind. Jesus schläft in einem Boot auf dem See Genezareth, als ein Sturm aufkommt. Die Jünger fürchten sich sehr und sind empört, dass Jesus schlafen kann. Ich habe schon viele Male erlebt, dass allein die Verlesung des nächsten Verses in einer Kirche etwas auslöst. „Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme. Und der Wind legte sich und es war eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“

Ruhe bewahren, auch wenn die Wellen hochschlagen – Jesus macht es vor.

Im heutigen Predigttext bietet er an: Kommt her zu mir, hier findet ihr Ruhe für eure Seelen.

Wenn ich einen Menschen treffe, frage ich mich oft: Woher nimmt die die Ruhe? Jesus gibt darauf in unserem heutigen Abschnitt eine Antwort, die in dem Lobpreis steht: „Alles ist mir übergeben von dem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater, und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbart.“

Auch im Johannesevangelium betont Jesus, dass er mit Gott verbunden ist. Als es dann ans Abschiednehmen geht, weist er seine Jünger auf diese Kraftquelle hin: Ihr bleibt mit mir verbunden, so wie ich mit Gott verbunden bin.

Wir kennen das doch. Wenn wir in einer stabilen Beziehung leben, fühlen wir uns sicher und stark. Das können die Eltern sein, die Partner oder Freunde. Die Psychologie lehrt uns, dass viele Probleme dadurch entstehen, dass wir in der Kindheit keine solchen Beziehungen hatten. Jesus bietet uns an, mit ihm verbunden zu sein. Das sollte man ausprobieren und wird dann merken, dass es keine leere Versprechung ist. Die Probleme gehen nicht einfach weg, aber wir werden in der Verbundenheit mit Jesus und seinem Vater stärker.

Es fällt uns in der Regel nicht so leicht, mit Gott verbunden zu sein. Wie sagt Lenin: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. In diesen Wochen erlebten wir, wie manche Staaten und Behörden in Europa sich über vernünftige Vorsicht hinaus in einen regelrechten Kontrollwahn steigerten. Das ist doch typisch für uns, nicht nur in Coronazeiten.

Doch die Verbindung mit Gott würde auf Vertrauen beruhen. Ich las dieser Tage den Satz: „Es ist nie zu spät eine glückliche Kindheit zu haben.“ Jesus hat uns gelehrt, Gott unseren Vater zu nennen, und wir beten ja auch so. Vater unser im Himmel.

Das ist die erste Antwort: Wie finde ich Ruhe für meine Seele? Durch eine vertrauensvolle Verbindung mit Gott.

Jesus bietet uns dann noch ein zweites Bild an, dass aus seiner Zeit stammt. Wir bewahren in unserer Kirche ein richtiges Joch auf. Es ist ein sehr stabiles, zum Glück mit Leder gepolsterter, Ring, den man dem Zugtier um den Hals auf die Schultern legte. Das verteilte die Last und half beim Ziehen des Pfluges. Doch drückte es sicher.

Jesus bietet nun ein leichtes Joch an, was irgendwie paradox ist. Eine leichte Last – was soll das sein?

Hier nehmen die Ausleger an, dass Jesus auf den Unterschied der Anforderungen hinweist, die zwischen dem Gesetz und dem Evangelium bestehen. Das „Gesetz“ seiner Zeit bestand aus hunderten von Regeln und Forderungen, das Evangelium verkündete Gottes Liebe. Eigentlich ist das Evangelium gar kein Joch mehr und darum kann Jesus sagen: mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

Das klingt alles ferne, aber wir machen uns das Leben auch ohne das sog. Gesetz schwer genug. Manches scheint nicht anders zu gehen. Ich denke aber immer an das Joch in dieser Geschichte, wenn ich die Grundschulkinder mit ihren großen Schulranzen sehe. Erwachsene können kaum ohne ihre Laptoptasche aus dem Haus gehen, und im Bekleidungshaus gibt es jetzt die praktische Shoppingbag. Unsere war ganz schön schwer letzte Woche, bei all den Corona-Nachlässen. %0% auf eine ganz leichte Sommerjacke, wer kann da widerstehen?

Doch auch ganz ohne Rucksack ist die Schulter heute eine heikle Zone. Wer belastet ist, hat oft Schulterschmerzen, auch wenn er gar keinen Pflug mehr ziehen muss. Das hat etwas mit der Haltung zu tun, die von der Seele kommt, und erinnert uns daran, dass wir an unseren Sorgen, Plänen und Wünschen schwer tragen. Auf unseren Schultern liegen Geschichten, schwer wie Blei.

Jesus bietet an: Ich will euch erquicken, und erquicken heißt auf Griechisch anapauso. Daher kommt das Wort Pause. Schon eine Pause kann ja unheimlich gut tun. Eine Pause von der Verantwortung, wunderbar. Die Corona-Zeit war sicher nicht für alle gleich. Für die meisten Menschen fielen aber Termine weg und für alle der Freizeitstress. Auch von Jugendlichen wurde berichtet, dass es ihnen guttat, in ihrer Freizeit nichts tun zu  – müssen. Nicht überlege müssen: Was kann oder muss ich jetzt Cooles unternehmen. Auch für Erwachsene stand z.B. das Einladungskarussell still. Kurztrips waren unmöglich. Viele erzählen mir, dass sie dabei zur Ruhe gekommen sind. Manche sagen: Ich möchte nicht wieder raus in die Welt. So manch einer hat in dieser Zeit über das Leben nachgedacht. Hoffentlich haben wir gemerkt, dass Gott auf diese Weise uns durch diese Zeit gegangen ist.

Aber Jesus bietet mehr als eine Pause. Sein Vorschlag ist: Wechsele das Joch. Dann müsste ich mich vielleicht von Überforderungen trennen: Leichter gesagt als getan. Doch mache Überforderung kommt ja von mir selbst, und andere lasse ich zu, obwohl ich es vielleicht gar nicht müsste. Wenn ich mein Joch auf das reduzieren könnte, was ich zum Leben brauche – das wäre schon was. All die Gesetze einzuhalten zur Zeit Jesu hatte jedenfalls niemand von den Menschen verlangt. Sie dachten zwar: das will Gott von mir. Und Jesus kam und sagte: Das stimmt gar nicht. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir. Gott liebt euch, er will euch nicht verurteilen, ihr müsst ihn nicht gnädig stimmen.

Diesen Gedanken kennen wir dann wortwörtlich aus der Gegenwart. An die Stelle Gottes sind halt die Menschen getreten. Doch ist mein Leben nicht völlig davon geprägt, dass ich Menschen für mich einnehmen, bezirzen, beeindrucken und gewinnen muss?

Wovon kann ich mich also trennen, damit mir die Schultern nicht mehr so weh tun? Das meiste hat wohl mit dem Kampf um Anerkennung zu tun, das hat sich seit Jesu Zeiten nicht geändert. Und wenn wir das mal lassen?

Das wäre also das heutige Angebot: Finden Sie Ruhe für ihre Seele in der Verbindung mit Gott. Und nehmen Sie das Evangelium ein. Normalerweise sagt man „an“, aber irgendwie muss es wirklich in uns hinein.

Gibt es Risiken und Nebenwirkungen? Da fragen Sie dann am besten Jesus selbst.

Amen

Pfarrer Joachim Deserno

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