Pfingsten 2020

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, ob Sie wegen Corona eine Städtereise absagen mussten. Zum Trost geht es heute nach Jerusalem. Denn, wie es in einem alten Kindergottesdienstlied heißt: Zu Pfingsten in Jerusalem, da ist etwas geschehen. Wir schreiben das Jahr 30 oder 33, ungefähr. Die Stadt ist voller Menschen, „aus allen Völkern unter dem Himmel“ heißt es in der Geschichte. Denn es wird ein wichtiges jüdisches Fest gefeiert, zu dem die Menschen nach Jerusalem pilgern. Schawout heißt dieses Fest, wörtlich sieben Wochen, denn es wird sieben Wochen nach dem Passafest gefeiert. Sieben mal sieben ist 49, und am 50 Tag wurde gefeiert. 50 wiederum heißt auf pentecoste, Pfingsten. Ich habe diese Woche eine etwas kürzere Erklärung im Radio gehört, in einer Rubrik mit dem lustigen Titel “das Lexikon des überflüssigen Wissens“. Aber immerhin wurde es erklärt – war da der Heilige Geist am Werk.

Das Sieben-Wochen-Fest erinnerte an die Wanderung in der Wüste und die Annahme der zehn Gebote.

Darum waren in Jerusalem „gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel“. Und da passiert es: Ein Brausen vom Himmel, wie ein Sturm, Feuerflammen oder Flämmchen, und alle werden erfüllt vom Heiligen Geist und fangen an zu predigen in andern sprachen. Ausdrücklich wird aufgezählt, woher die Menschen alle kommen, die Parther und Meder und Elamiter, die Ägypter und Libyer, die Römer, die Kreter und die Araber. Denn Schawout ist ein globalisiertes Fest, weil Juden und Jüdinnen halt in aller Welt leben, und zu den Festen nach Jerusalem pilgern. Wir Christen feiern seitdem Pfingsten, 50 Tage nach Ostern und 10 Tage nach Himmelfahrt. Und wir sind froh, dass jetzt der Heilige Geist da ist, der Gott und Jesus vertritt, indem er uns ermutigt, tröstet, froh macht, zum Glauben führt, und vieles mehr. Was der Heilige Geist alles kann und tut, wird schön in den Liedern beschrieben. Da erfahren wir auch, dass er schon viel länger da ist, weil er nämlich dabei war, als Gott die Welt erschuf, die Propheten zum Reden brachte und vieles mehr.

Nun sei die Frage erlaubt: Hätte Pfingsten unter den Bedingungen von Corona stattgefunden? Auf den ersten Blick ein klares Nein. Schawout wäre mit Sicherheit abgesagt worden, wie das Oktoberfest und die Buchmesse. Bei dem Wind, der das Haus erfüllt, fallen mir die Aerosole ein. Wer will die denn haben? Und wenn alle gleichzeitig redeten – hielten die den Abstand ein? Und dann diese kehligen Sprachen im Orient – sogar die Schweizer haben angeblich einen etwas höheren Virusausstoß beim Sprechen. Wir hätten gefragt, wie die Leute damals: Was will das werden?

Das meine ich natürlich nicht ernst. Und auf den zweiten Blick sage ich: Selbstverständlich hätte Pfingsten stattgefunden. So wie auch unsere Predigten weiter stattfinden, wie das Leben weiter stattfindet, mit Schwierigkeiten, aber vielen guten Ideen. Der Heilige Geist hätte einen Weg gefunden.

Natürlich bewirkt das Virus auf den ersten Blick genau das Gegenteil dessen, was Christen sich erhoffen. Wir erleben Distanzierung anstelle von Gemeinschaft, Ferne statt Nähe, Abstand und nicht statt Umarmung, Masken statt Lächeln, Isolation anstelle von Festen. Wie ging es Ihnen, wie geht es uns? Da wäre viel zu erzählen. Gestern hörte ich beim Ausfahren der Gemeindebriefpakete im Radio eine Sendung über das Leben in den Altenheimen. Eine hörbar betroffene Pflegerin erzählte, dass für alte und demente Menschen die Mimik sehr wichtig sei, weshalb alle Mitarbeiter immer versuchten, zu lächeln. Nur, man sieht es nicht mehr, was die alten Leute sehr verunsichert. Ein Beispiel für viele.

Im Heiligen Geist ist für alle diesen Kummer Platz und Zeit. Er ist halt besonders ein Tröster. Und wie die Mitarbeiterin das erzählte, dachte ich: da ist er ja, der Heilige Geist.

Doch bleibt der Heilige Geist nicht bei den Sorgen stehen. Für den Gemeindebrief habe ich Presbyterinnen gefragt, was sie Gutes und Hilfreiches erlebt haben. Das besteht ja nicht nur darin, dass wir alle unseren Keller aufgeräumt und die Küche gestrichen haben. Vielleicht hat das Virus manchen Menschen nur schlechtes gebracht. Die Krankheit selbst, einen Verlust oder existentielle Sorgen. In meiner Wochenzeitung erzählt der Inhaber einer Trennungsagentur, dass er dreimal so viele Aufträge habe wie sonst.

Aber wenn Sie etwas wissen, oder etwas haben, das gut für sie war, dann halten Sie es fest und geben Sie nichts davon wieder her. 

Eigentlich hat der Heilige Geist mit dem Virus sogar etwas gemeinsam: Er will sich verbreiten. Die ersten Christen erlebten das, weil der Glaube an Jesus Christus regelrecht viral ging, wie man heute sagt. Hoffe wir, dass der Heilige Geist noch viel schneller ausbreitet als Sars Cov 2, denn es müssen unglaubliche Probleme gelöst werden. Zunächst muss der Heilige Geist tröstend wirken. Die New York Times hat ein gewaltiges Projekt geschafft und viele Menschen mit Namen und Kurzbeschreibung aufgelistet, die in Amerika an oder mit Corona gestorben sind. Es breitet sich das Virus heute auch in den Ländern aus, die wir kaum kennen, die in der Pfingstgeschichte genannt werden: Kappadozien, also der Türkei, Mesopotamien, also im Irak, in Ägypten, in Libyen, also Afrika, usw. Auch Kreta wird erwähnt, also Griechenland, in dem es weniger Kranke gab, was ja bis heute ein Geheimnis ist. Auch Länder wie Indien und Afrika haben prozentual viel weniger Kranke, was am Alter liegen könnte.

Nach dem Trost brauchen wir aber die guten Ideen und die Bereitschaft zu teilen und zu Helfen. Auch dafür ist der Heilige Geist bekannt.

Heiliger Geist gegen Virus – das wäre noch nicht der Impfstoff, aber doch eine ganz wichtige Immunisierung gegen Nebenwirkungen, die wir jetzt schon wieder sehen im Kampf der Lager und Parteien.

Heiliger Geist und Virus haben gemeinsam, dass sie den Atem brauchen oder mit ihm verglichen werden. Das hebräische Wort ruach bedeutet Geist und Atem. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass wir zum Sprechen atmen müssen, und ohne Sprache gibt es halt keine Verständigung, und die will der Heiliger Geist partout. Er will tröstende und barmherzige Worte aussprechen helfen. Das unterscheidet Geist und Virus dann.

Nun wünsche ich dem Heiligen Geist die höchste denkbare Reproduktionsrate. Jeder und jede von uns müsste mindestens einen Menschen anstecken. Ich hoffe, dass in diesem Gottesdienst alle zumindest leicht infiziert wird, und dass diese Infektion durch Sorgen und Zweifel nicht zurückgeht. Der Heilige Geist wirkt weiter, und wenn es sein muss durch das Internet. Und sogar diese Corona-Zeit hat der Heilige Geist genutzt. Denn wir haben interessante Formate entdeckt, wir kommunizieren sogar schneller und leichter im Presbyterium, weil wir Zoom nutzen, wir dürfen unproblematisch draußen im Freien taufen, und vieles mehr.

Nur singen dürfen wir immer noch nicht. Es wäre erlaubt, wenn man drei Meter Abstand hätte. Ich habe aber den Tipp gelesen, dass man summen darf.

Wir hören und summen in der beschriebenen Reihenfolge das Lied: O heilger Geist, kehr bei uns ein. Ich möchte fast hinzudichten: Und halt bei uns das Virus fern. Amen.

Pfarrer Joachim Deserno

Bild von falco auf Pixabay

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