Andacht vom 15. April 2020

Angerührt

„Rühr mich nicht an.“ Vor einigen Wochen fertigte ein Kreuznacher Arzt Buttons für seine Patienten, die damit ihre Risikogruppe zum Ausdruck bringen können. Das habe ich mir schon immer gewünscht, wenn mich jemand angehustet hat. Doch könnten diesen Button nun vielleicht auch Frauen und Kinder tragen, die in ihren Wohnungen hier und da Gewalt ausgesetzt sind. In Spanien dürfen Kinder nicht ihre Wohnungen verlassen, da käme auch ein Button in Frage, der sagt: „Holt mich hier raus.“

Das „Rühr mich nicht an“ hat eine moderne Karriere hinter sich, denn auch in der me-too-Debatte spielt es eine Rolle. Und so mancher heftige Streit unter Partnern endet bekanntlich mit den Worten: Fass mich nicht an.

Wussten Sie, dass der Satz praktisch aus der Bibel stammt? „Rühr mich nicht an – noli me tangere“, so steht es im Johannesevangelium Kapitel 20, Vers 17. Die Geschichte dazu wurde in der Kunst sehr oft dargestellt. Jesus sagt diese Worte zu Maria von Magdala, die zum Grab gekommen ist. Ostern hören wir die ganze Geschichte, wie sie zuerst denkt, er sei der Gärtner. Erst als er sie anspricht – „Maria“ – erkennt sie ihn, und antwortet: „Rabbuni – Meister“.

Doch ahnt Jesus offenbar schon, was jetzt kommt und sagt: „Rühr mich nicht an.“ War das so üblich unter den Nachfolgerinnen, dass sie ihn umarmten? Oder vermutet Jesus, dass sie sich vergewissern will, ob er als Auferstandener echt sei? Jedenfalls soll sie ihn nicht anfassen. Und Jesus begründet seine Worte dann selbst: „Ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater“. Sie soll ihn also nicht daran hindern, zum Vater in den Himmel zu gehen.

Im griechischen Text steht darum auch gar nicht der so berühmt gewordene Wortlaut. Man übersetzt das Original besser mit den Worten: „Halte mich nicht fest.“ Jesus ist auf dem Heimweg und das soll Maria nicht verhindern.

Die Bibelstelle ist also kein Hinweis auf Berührungsängste Jesu. Bekanntlich hat er sogar seinen Jüngern die Füße gewaschen, er hat Menschen die Hände aufgelegt, um sie zu segnen und sogar Kranke angefasst.  Ausgerechnet bei der Heilung des Aussätzigen steht: „Und Jesus streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will’s tun; sei rein.“ Doch wusste man vor zweitausend Jahren noch nichts von Viren und Bakterien, heute sind wir vorsichtiger. Vielleicht hat sich Jesus aber auch einfach vor nichts gefürchtet. Das mache ich ihm so leicht nicht nach.

Und wir? Werden wir uns irgendwann wieder die Hände geben? Umarmen? Was meinen Sie?

Das berühmte „Rühr mich nicht an“ hat jedenfalls eine andere Bedeutung, im Sinne von: „Halte mich nicht auf“, oder: „Halte mich nicht fest.“ Maria soll in den Abschied einwilligen. Es gibt den Wunsch, Menschen festzuhalten. Loslassen ist schwer. Dafür gibt es in der Bibel ein Beispiel.

Loslassen können, nicht festhalten, das hat nicht nur etwas mit Corona zu tun, denn der Tod gehört immer schon zu unserem Leben. Wichtig ist in diesem Zusammenhang vor allem die Begründung Jesu. Warum soll Maria ihn nicht festhalten, warum kann sie ihn loslassen? Weil er zum Vater geht! Das ist der Trost, denn wir bei jeder Beerdigung weitersagen dürfen. Wir gehen zum Vater im Himmel! Das rührt mich jedes Mal an. Amen.

Pfarrer Joachim Deserno

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